Elektrochemischer Telegraf

Kategorie: Elektrische Telegrafie | Ausgestellt in Vitrine 2: Telegrafie 1

Modell des elektrochemischen Telegrafen Technische Zeichnung

Jahr: 1809
Erfinder: Samuel Thomas von Soemmerring

Samuel Thomas Soemmerring (1755–1830) war eigentlich Anatom und Physiologe. Am 5. Juli 1809 trat allerdings der bayerische Staatsminister Maximilian Joseph von Montgelas an ihn heran und forderte ihn zu Vorschlägen zu einem Telegrafen auf. Daraufhin entwickelte Soemmerring den Plan von einem galvanischen Telegrafen, bei dem die 25 Buchstaben des Alphabets und die 10 Ziffern „durch Gasentbindung“ (Wasserelektrolyse) angezeigt wurden.

Funktionsweise

Auf der Senderseite (Holzgestell in der Mitte des Bildes) schloss man mit zwei Messingkontakten, die man in die Kontakte des gewünschten Zeichens steckte, den Stromkreislauf zur voltaschen Säule, die im Bild links zu sehen ist. Auf der Empfängerseite (Holzgestell auf der rechten Seite der Abbildung) befand sich ein Wasserbecken, dessen 35 Kontakte – 25 Buchstaben und 10 Ziffern – durch Drähte mit dem Sender verbunden waren. Die 35 Einzelleitungen isolierte Soemmerring mit Seide. Durch Schließung des elektrischen Kreislaufs am Sender entstanden durch elektrolytische Zersetzung des Wassers auf der Empfängerseite an den beiden gesendeten Zeichen Wasserblasen. Um zu erkennen, welches Zeichen als erstes zu lesen sei, stellte Soemmerring drei Regeln auf: Der Buchstabe oder die Ziffer mit den stärkeren Wasserblasen sei vor dem mit der schwächeren Gasentwicklung zu lesen; die Verdopplung eines Buchstabens werde mit der Ziffer „0“ angezeigt und die „1“ kennzeichne ein Wortende.

Um dem Empfänger mitzuteilen, dass nun eine Mitteilung begann, entwickelte Soemmerring auch einen sog. Signalapparat. Dieser war an dem Wasserbehälter installiert und bestand u.a. aus einem zweiarmigen Hebel. Der längere Arm sah aus wie ein umgekehrter Löffel und reichte im Wasserbehälter bis zu den Buchstaben „B“ und „C“. Der kürzere Arm ging über den Rand des Beckens nach außen. Zu Beginn einer Telegrafie steckte der Sender die Zäpfchen „B“ und „C“ ein und auf Empfängerseite entstanden an besagten Buchstaben Blasen, die den längeren Arm der Signalapparatur hoben. Dadurch senkte sich der kürzere Arm und eine darauf gelagerte, kleine Bleikugel rutschte herunter, fiel durch einen Trichter auf eine Arretierung eines mechanischen Weckers, der dadurch ein akustisches Anrufsignal auslöste.

Wirkung

Schon Ende August desselben Jahres führte Soemmerring seinen Telegrafen vor. Die Vorteile gegenüber den optischen Telegrafen waren groß: unabhängig vom Tageslicht und den Witterungsbedingungen, es waren keine Zwischenstationen notwendig, die Buchstaben und Ziffern wurden direkt angezeigt und durch die Anzeige von zwei Zeichen sparte man zudem Zeit. Allerdings hatte Soemmerrings elektrochemischer Telegraf nie einen praktischen Einsatz erfahren.

vgl. Aschoff, Volker: Geschichte der Nachrichtentechnik. Band 2: Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Berlin 1995, S. 13–22.